Den ersten Entwickler einstellen: Worauf Gründer:innen achten sollten

Den ersten Entwickler einstellen: Worauf Gründer:innen achten sollten

Die erste technische Einstellung gehört zu den folgenreichsten Entscheidungen, die ein Startup trifft. Für nicht-technische Gründer:innen ist sie zugleich eine der schwierigsten, denn fachliche Kompetenz lässt sich kaum bewerten, wenn man selbst nicht aus dem Fach kommt. Wer den ersten Entwickler einstellt, legt damit gleichzeitig den Grundstein für die Codebasis, für die Arbeitskultur im Team und oft auch für die nächsten zwei oder drei Einstellungen. Die orientieren sich nämlich meist an der ersten. Dieser Artikel zeigt, worauf es dabei tatsächlich ankommt.

Warum die erste technische Einstellung anders ist als spätere

Dein erster Entwickler oder deine erste Entwicklerin trifft in der Regel nicht nur Umsetzungsentscheidungen, sondern auch grundlegende Architekturentscheidungen. Und das oft, ohne dass jemand im Unternehmen das im Detail nachvollziehen kann. Diese Person wählt vielleicht den Technologie-Stack, legt die Struktur der Datenbank fest und prägt, wie sauber oder chaotisch künftig gearbeitet wird. Genau deshalb zählen bei der ersten Einstellung andere Kriterien als bei der zehnten. Es geht weniger um Spezialwissen in einer bestimmten Nische als um Generalistentum, Kommunikationsfähigkeit und die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen.

Worauf es bei der Auswahl wirklich ankommt

Generalisten schlagen Spezialisten

In der Frühphase eines Startups ändert sich die Aufgabenstellung ständig. Heute geht es um das Frontend, morgen um die Serverinfrastruktur, übermorgen um eine Kundenanfrage, die sofort untersucht werden muss. Menschen, die sich in mehreren Bereichen zurechtfinden und bereit sind, sich in unbekannte Themen einzuarbeiten, sind in dieser Phase wertvoller als hochspezialisierte Fachkräfte. Frag im Gespräch gezielt nach Situationen, in denen die Person sich ein für sie neues Thema selbständig erarbeiten musste.

Kommunikation ist keine Nebensache

Dein erster Entwickler muss dir als nicht-technischer oder anderweitig technischer Person Trade-offs verständlich erklären können, ohne sich hinter Fachbegriffen zu verstecken. Achte im Bewerbungsgespräch bewusst darauf, ob komplexe Sachverhalte auch für dich nachvollziehbar erklärt werden. Wer das im Gespräch nicht schafft, wird es im stressigen Arbeitsalltag noch weniger schaffen.

Ownership-Mentalität statt reiner Ausführung

In etablierten Unternehmen bekommen Entwickler:innen oft klar definierte Aufgaben. In einem frühen Startup fehlt diese Klarheit häufig. Gesucht ist daher jemand, der auch mit unvollständigen Vorgaben produktiv umgehen kann und von sich aus nachfragt, statt auf perfekte Spezifikationen zu warten.

Referenzen und Praxis vor Lebenslauf

Ein beeindruckender Lebenslauf sagt wenig darüber aus, wie jemand tatsächlich in einem kleinen, ambigen Umfeld arbeitet. Aussagekräftiger sind ehrliche Referenzgespräche mit früheren Kolleg:innen und eine realistische Arbeitsprobe. Also etwa die gemeinsame Bearbeitung eines kleinen, echten Problems statt einer abstrakten Coding-Aufgabe.

Der größte Fehler: allein entscheiden

Als nicht-technische:r Gründer:in fehlt dir naturgemäß die Möglichkeit, technische Fähigkeiten selbst einzuschätzen. Der häufigste Fehler in dieser Situation ist, die Entscheidung trotzdem allein zu treffen, weil man sich nicht eingestehen möchte, dass man sie nicht allein treffen kann. Sinnvoller ist es, für den Auswahlprozess eine erfahrene technische Person hinzuzuziehen. Das kann ein befreundeter CTO sein, ein Fractional CTO oder ein Sparringspartner, der ausschließlich für diesen Prozess eingebunden wird. Diese Person kann technische Fragen stellen, Code-Beispiele bewerten und dir danach in verständlicher Sprache eine Einschätzung geben.

Ein Beispiel: Eine Gründerin ohne technischen Hintergrund lässt sich für die Endrunde ihrer Bewerbungsgespräche von einer externen technischen Person begleiten, die eine strukturierte technische Fragerunde führt und im Anschluss eine schriftliche Einschätzung zu Stärken, Lücken und Risiken liefert. Die finale Entscheidung bleibt bei der Gründerin. Aber sie trifft sie auf einer fundierten Grundlage statt auf Basis von Sympathie allein.

Vertragliche und organisatorische Stolperfallen

Neben der fachlichen Eignung gibt es einige praktische Punkte, die häufig übersehen werden:

  • Geistiges Eigentum klar regeln. Stell sicher, dass im Vertrag eindeutig geregelt ist, dass während der Anstellung entstandener Code dem Unternehmen gehört.
  • Keine Alleinherrschaft über kritisches Wissen entstehen lassen. Von Anfang an sollte dokumentiert werden, wie zentrale Systeme funktionieren, und zwar nicht erst, wenn die Person das Unternehmen verlässt.
  • Probezeit aktiv nutzen. Definiere für die ersten Monate konkrete, überprüfbare Meilensteine, statt die Probezeit rein formal verstreichen zu lassen.
  • Erwartungen an Zusammenarbeit früh klären. Wie oft gibt es Updates? Wie wird priorisiert? Wer entscheidet bei technischen Uneinigkeiten? Diese Fragen sollten vor dem ersten Arbeitstag beantwortet sein, nicht erst im Konfliktfall.

Fest oder freiberuflich: eine oft übersehene Weichenstellung

Neben der Frage, wen du einstellst, lohnt sich vorab die Frage, in welcher Form. Eine freiberufliche Fachkraft oder eine kleine Agentur kann helfen, eine erste Version eines Produkts schnell zu validieren, ohne dass du dich langfristig bindest. Sobald jedoch klar ist, dass dein Produkt dauerhaft weiterentwickelt werden soll, wird eine feste Anstellung in aller Regel wichtiger. Nicht nur wegen der Kosten, sondern weil Verantwortungsgefühl und langfristiges Systemverständnis bei fest angestellten Personen erfahrungsgemäß stärker ausgeprägt sind als bei kurzfristig eingebundenen externen Kräften. Wer diesen Wechsel zu spät vollzieht, riskiert, dass zentrales Wissen über die eigene Plattform bei einer externen Person liegt, die jederzeit abspringen kann.

Wann du bereit bist für diese Einstellung

Eine gute Faustregel: Du bist bereit für die erste technische Einstellung, wenn nicht mehr Entscheidungen, sondern Umsetzungskapazität dein Engpass ist. Wenn du noch nicht genau weißt, was gebaut werden soll, löst ein Entwickler dieses Problem nicht. Dann brauchst du zuerst mehr Klarheit auf Produktebene und keine zusätzliche technische Kapazität.

Die erste technische Einstellung allein zu verantworten, ist eine der größten Belastungsproben für Gründer:innen ohne technischen Hintergrund. Im Rahmen des Founder & CTO Sparring unterstütze ich dich bei genau diesem Schritt, von der Bewertung der fachlichen Eignung bis zur Einschätzung, ob der Zeitpunkt für diese Einstellung überhaupt der richtige ist. Sprechen wir in einem unverbindlichen Kennenlerngespräch darüber.